"Eine allgemeine Weltgeschichte ist notwendig, aber unmöglich" sagte bereits Leopold von Ranke. Insofern finden wir in den einzelnen Blogartikeln immer nur kleine Ausschnitte des Geschehens und keine "allgemeine" umfassende Darstellung. Wir haben ja eine Entschuldigung …
Auf unserer Reise durch die Weltgeschichte haben wir
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Der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige.
Albert Einstein
Die Xianbei, ein vermutlich mongolisch geprägter Stammesverbund, traten im mongolisch-mandschurischen Grenzgebiet die Nachfolge der Nördlichen Xiongnu als führendes Nomadenvolk an. Tanshihuai (137 bis 181, reg. etwa 156 bis 181) konnte die einzelnen Stämme unter einer Herrschaft zusammenführen. Er und seine Söhne schafften es allerdings nicht, die Strukturen hinreichend zu festigen, so dass sich der Verbund bereits kurz nach 230 wieder auflöste. In der Phase der Sechzehn Streitenden Reiche finden wir dann Mitte des 4. Jahrhunderts auch ein von Xianbei-Fürsten beherrschtes kurzlebiges Reich rund um die heutige Provinz Liaoning, das als »Frühere Yan«-Dynastie seinen Weg in die chinesische Geschichte gefunden hat.
Die Tabgatsch, die wir in chinesischen Quellen als Tuoba finden, gehörten zum großen Stammesverband der Xianbei. Wie bei allen größeren Stammesverbänden waren auch diese nicht ethnisch homogen. Neben einigen türkischen Stämmen waren insbesondere mongolische Völker vertreten. Hinzu kamen andere Gruppen wie Tungusen und auch indogermanische Stämme.
Die Tabgatsch stiegen um 260 zu einer einflussreichen Macht in Nordchina auf. Gut einhundert Jahre später wurde das Herrschaftsgebiet durch Erfolge gegen rivalisierende Xianbei-Gruppen erweitert. Tuoba Gui (reg. 386/389 bis 409) rief sich zum Kaiser aus und gründete die Nördliche Wei-Dynastie. Sein Reich erstreckte sich über Nordchina bis zum Gelben Meer.
In den etwa 170 Jahren ihrer Herrschaft nahmen die Tabgatsch immer mehr chinesische Sitten an. Ab ungefähr 530 begannen sie zu schwächeln, was unter anderem die benachbarten Kök-Türken ausnutzen konnten. Das Reich zerfiel in zwei verfeindete Teile, die Östlichen und die Westlichen Wei, die aber bereits nach zwanzig Jahren durch weitere Dynastien, die Nördlichen Qi und die Nördlichen Zhou abgelöst wurden. Auch deren Überlebensdauer war eher überschaubar. Der Herzog Yang Jian (541 bis 604, reg. 581 bis 604) setzte sich durch, den Kaiser ab und begründete als Kaiser Sui Wendi die Sui-Dynastie. Damit waren dann auch die letzten Nachfolgereiche der von den Tabgatsch begründeten Herrschaft in Nordchina Geschichte.
Mit den Xiongnu, Xianbei und Tabgatsch sind wir schon stark in die chinesische Geschichte eingetaucht. Ganz so weit sind wir in unserer Erzählung aber eigentlich noch nicht. Es ist also angebracht, den Blick wieder stärker nach Norden zu wenden und zu untersuchen, was in der zentralasiatischen Steppe passierte, nachdem die Herrschaften der drei Völkergemeinschaften zu Ende gegangen waren.
Dabei stoßen wir auf die Rouran, die zwischen dem späten 4. und dem 6. Jahrhundert im Gebiet der Mongolei und im östlichen Kasachstan bis zum Balchaschsee ein Reich errichten konnten. Auch hier finden wir wieder ein ethnisches Gemisch der unterschiedlichen Stämme und Völker vor. Ob ein bedeutender Teil von ihnen, wie selbst behauptet, von den Tabgatsch abstammte, ist nicht gewiss, aber sicherlich auch nicht unwahrscheinlich. Die Stämme fallen ja nicht vom Himmel.
Auch die Geschichte dieses Reiches ist schnell erzählt. Erster Chagan wurde 402 ein gewisser Yujiulü Shelun (vor 392 bis 410, reg. 402 bis 410), vielleicht der erste Herrscher, der den Titel »Khagan« trug – eine Bezeichnung, die sich vereinfacht als über einem Khan stehender Großherrscher oder Kaiser der Steppe verstehen lässt. Trotz einer Niederlage, die die Rouran 429 gegen die Truppen der chinesischen Nördlichen Wei-Dynastie erleiden mussten, blieben sie stark genug, über ein ausgewogenes Verhältnis von Plünderungen und eingeforderten Tributen die nördliche Grenze Chinas zu beherrschen.
Das Ende kam dann in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Unter der Herrschaft von Yujiulü Anagui (472 bis 552, reg. 520 bis 552) kam es zum Bürgerkrieg. 521/522 wurde er von seinem Cousin Yujiulü Poloumen (gest. 525, reg. 521 bis 524) vom Thron vertrieben, konnte diesen aber mit chinesischer Unterstützung zu gewissen Teilen zurückerobern. Das Reich wurde zwischen beiden geteilt, was zumindest Poloumen, der ja die gesamte Herrschaft innegehabt hatte, nicht wirklich zufriedenstellte. Er reiste nach Westen und suchte Unterstützung bei den Hephthaliten.
Mit diesen taucht ein neues Volk in der bunten Reihe der zentralasiatischen Stammesverbände auf. Ab Mitte des 5. Jahrhunderts konnten sie für etwa einhundert Jahre bis 560 ein Reich in Transoxanien errichten und sich erfolgreich gegen die Sassaniden behaupten. 484 besiegten sie in einer Schlacht sogar den Großkönig Peroz I., womit sie sich einen starken Einfluss auf das Geschehen im Perserreich verschafften. Kavadh I. kam mit ihrer Hilfe auf den Thron und die Sassaniden zahlten Tribute, um Ruhe an der Nordgrenze zu haben. Chosrau I. konnte sie dann im Bündnis mit den Kök-Türken bei Buchara vermutlich im Jahr 560 entscheidend schlagen. Das Reich der Hephthaliten verschwand, sie gingen in iranischen und indischen Stämmen auf. In den Geschichtsbüchern tauchen die Hephthaliten mitunter auch als »weiße Hunnen« auf. Mit den Hunnen, die wir zu Beginn der Völkerwanderung kennenlernen durften, haben sie allerdings wohl nichts zu tun.
Nach aktuellen Erkenntnissen existieren auch keine Beziehungen zu den »indischen Hunnen«, die zu Beginn des 6. Jahrhunderts das Gupta-Reich in Nordindien angriffen. Hier soll es sich um eine Gruppe der Alchon gehandelt haben, die ihren Lebensmittelpunkt in der Gegend von Kabul gehabt haben sollen und von dort aus nach Indien gezogen sind. Ihr Anführer Toramana (gest. 515, reg. etwa 493 bis 515) konnte sich gegen mehrere regionale Machthaber durchsetzen. Mitunter wird vermutet, dass er auch den Gupta-Herrscher Bhanugupta (reg. etwa 503/510 bis 530) besiegte, der sich dann nach Bengalen zurückziehen musste. Toramanas Sohn Mihirakula (gest. etwa 542/550, reg. 515 bis 542) wurde dann 528 vom indischen Fürsten Yashodharman von Malava (reg. 515 bis 545) geschlagen und verzog sich nach Kaschmir.
Wir müssen jetzt vermeiden, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen und in der Vielfalt der zentralasiatischen Völkerschaften ganz unterzugehen. Daher besinnen wir uns auf den Ausgangspunkt unseres Ausflugs zu den Hephthaliten und Alchons und kehren zurück zu dem Konflikt der Rouran-Herrscher Anagui und Poloumen. Letzterer hatte ja bei den Hephthaliten um Unterstützung nachgesucht, um die durch die Herrscher der Westlichen Wei-Dynastie vermittelte Reichsteilung zu seinen Gunsten zu verändern. Die Idee war nur so mittel. Zumindest hatte er nicht damit gerechnet, dass China die existierende Lösung ganz gut gefiel. »Teile und herrsche«, ist ja ein beliebtes Motto erfolgreicher Führung, in Wirtschaft wie in Politik. Also wurde eine Strafexpedition auf die Reise geschickt, die Poloumen ergreifen und gefangen setzen konnte. Die Gefangenschaft überlebte er nicht.
Für die Westlichen Wei ging dieser Aktion allerdings auch nach hinten los. Denn nun war Anagui der Alleinherrscher der Rouran und er spielte seine Macht konsequent aus. In China hatte es noch keine erneute Einigung des gesamten Reiches gegeben, unterschiedliche Dynastien herrschten über einzelne Teilreiche. Anagui nutzte dies geschickt aus, indem er den einzelnen Parteien, insbesondere den Herrscher der Wei und Liang, Geschenke schickte und sie bei einzelnen Aktionen unterstützte.
Und wie so häufig in der Weltgeschichte setzte er auf Heiratspolitik. Er ließ sich vom Nördlichen Wei-Kaiser Xiaowu (510 bis 535, reg. 532 bis 535) im Jahr 533 dessen Cousine Lanling (um 530) schicken, im Jahr 535 mit Huazheng (um 535) eine weitere Prinzessin. Beide wurden verheiratet, Lanling mit ihm selbst oder seinem Sohn und Huazheng mit seinem Bruder Tahan (um 535). Zudem konnte er Xiaowus Nachfolger, den Kaiser Wen der Westlichen Wei (507 bis 551, reg. 535 bis 551) zwingen, sich von seiner Frau Yifu (gest. 540) scheiden zu lassen. Er verheiratete den Kaiser daraufhin mit seiner Tochter, von der wir die Lebensdaten (525 bis 540) kennen, aber nicht ihren Namen, weshalb sie als »Kaiserin Yujiulü« in die Annalen eingegangen ist. Sie starb bereits mit 15 Jahren. Zu dieser Zeit war der durch die Heiratspolitik erreichte Frieden zwischen den Rouran und West-Wei allerdings bereits Geschichte.
Die Rouran griffen an. Kaiser Wen meinte, dass vielleicht Eifersucht auf seine geschiedene Frau Yifu, mittlerweile eine buddhistische Nonne, Auslöser der Zwistigkeiten sein könne und trieb diese in den Selbstmord. Die junge namenlose Kaiserin, mittlerweile schwanger, hörte irgendwann im Palast merkwürdige bellende Geräusche, die sie dem Geist der verstorbenen Ex-Kaiserin zuschrieb. Sie wurde daraufhin depressiv und starb kurz vor oder nach der Geburt ihres Kindes. Dramen, wie sie das Leben oder phantasievolle Geschichtsschreiber schreiben.
Wir wollen die bunte Geschichte hier nicht weitererzählen. Die Rouran paktierten zwischenzeitlich mit den Östlichen Wei. Auch hier wurde eine intensive Heiratspolitik betrieben.
Das Ende der Rouran kam, als 546 ihr Vasall Bumin (gest. 552, reg. 552), ein türkischer Anführer, die Gaoche, ein ebenfalls türkisches Volk, besiegen konnte, als es sich gegen die Rouran zu wenden drohte. Als Dank wünschte er sich die Tochter Anaguis zur Frau, was dieser mit der Begründung verweigerte, er könne eine Prinzessin nicht einem Stamm von »Schmiedesklaven« ausliefern. Bumin fand das nicht so gut, holte sich mit Changle (um 550) eine Prinzessin der Westlichen Wei zur Frau und revoltierte gegen die Rouran. 552 kam es zum entscheidenden Sieg, der in der Gründung des ersten, schnell in zwei Teile zerfallenden Türk-Khaganats mündete. Anagui beging nach der Niederlage Selbstmord, sein Sohn Yujiulü Anluochen (gest. 554, reg. 553 bis 554) versuchte noch gegen die Nördliche Qi-Dynastie, die ihn zunächst unterstützt hatte, zu rebellieren und unterlag. Das war das endgültige Ende der Rouran.
Das Schicksal der Kök-Türken-Khaganate schauen wir uns dann das nächste Mal an.
Nun freilich starren Sinnes zu behaupten, dass das, was ich gesprochen habe, auch unbedingte Wahrheit sei, das schickt sich nicht für einen, der zu denken pflegt.
Platon