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(111) Aëtius

Aëtius' Aufstieg

Wir haben das letzte Mal gesehen, dass Valentinian III. und seine Mutter Galla Placidia sich gegen Johannes hatten durchsetzen können. Für ihren Sohn übte danach Galla Placidia die Herrschaft aus, musste aber akzeptieren, dass mit Flavius Aëtius sich ein ehemaliger Unterstützer Johannes' als führender Heermeister durchsetzen konnte.

 

Ende 433 war Aëtius der unumschränkte Herrscher im Weströmischen Reich. 435 erhielt er – oder besser: nahm er sich – den Titel patricius, ein Ehrentitel, den Konstantin I. für enge Vertraute eingeführt hatte und der nun den jeweils stärksten Mann im Reich auszeichnete. Diese Position war ihm nicht einfach zugefallen, er hatte ordentlich darum kämpfen müssen. Dabei nutzte er Kontakte aus seiner Jugend, in der er jeweils für etwa drei Jahre als Geisel bei den Westgoten (405 bis 408, also in bewegten Zeiten) und den Hunnen (411 bis 414) verbringen musste. Gerade die Verbindung zu den Hunnen konnte er in den Kämpfen um die Macht nutzen. Der Versuch, hunnische Unterstützung für Johannes zu organisieren, war allerdings nur bedingt erfolgreich. Die zugesagten Truppen trafen zu spät ein, um noch etwas gegen die oströmische Armee ausrichten zu können. Später halfen die Hunnen Aëtius zumindest in Endkampf gegen Sebastianus. Dieser war der Schwiegersohn von Bonifatius, des afrikanischen Heermeisters und Gefolgsmanns Galla Placidias. Konnte Bonifatius Aëtius noch besiegen, seine zum Tod führende Verwundung rührte allerdings aus dieser Schlacht, hatte Sebastianus gegen die durch Hunnen verstärkte Armee keine Chance.

 

Machtbasis Gallien

Ebenso wie Constantius in den 410er-Jahren das Weströmische Reich wieder stabilisieren konnte, führte die Herrschaft des Aëtius in den 430/40ern zu einer Beruhigung nach den Machtkämpfen um Honorius' Nachfolge. Nachdem er 425 mit »seinem« hunnischen Kontingent Johannes nicht hatte helfen und auch die oströmischen Truppen nicht hatte vertreiben können, einigte man sich, dass die Hunnen ausgezahlt und nach Hause geschickt würden. Aëtius wurde dafür nicht angeklagt, sondern blieb in Valentinians Diensten. Er wurde allerdings nach Gallien geschickt, gewissermaßen ein Abschieben, aus dem er dann aber viele Vorteile ziehen konnte. Durch Erfolge 426 sowie 429/430 gegen die Westgoten und 428 gegen die Franken, wobei er den Rhein wieder zur Reichsgrenze erhob, stiegen sein Renommee und sein Rückhalt. So hatte er das Selbstvertrauen und die Möglichkeit, in den Kampf um die Macht einzugreifen und erst Felix, den Heermeister in Italien, umzubringen und sich dann gegen Bonifatius und Sebastianus zu behaupten.

 

Das Reich schrumpft

Wenn Du jetzt hoffst, dass sich die Situation mit Aëtius immer mehr bereinigte und das für uns etwas verwirrende Spiel mit den vielen Beteiligten sich langsam klärt, dann muss ich Dich enttäuschen. Wir haben die Germanen nach ihrer Rheinüberschreitung noch weitgehend außen vor gelassen. Da haben wir einiges nachzuholen. Aus römischer Sicht eher unglücklich bereinigt war schon seit längerem die Situation in Britannien. Seit Konstantins Erhebung gab es keinen Einfluss der Zentralregierung auf die Geschehnisse auf der Insel mehr. Es sollte auch nie mehr gelingen, diesen wieder herzustellen. Wenn wir positiv denken, eine Reduzierung der Komplexität in schwierigen Zeiten, faktisch aber eher ein weiterer Schritt der Machterosion des weströmischen Kaisertums.

 

Zu solch grundsätzlichen Überlegungen hatte Aëtius allerdings kaum Muße. Er musste sich um die Hunnen kümmern. Wir haben gesehen, dass es Attilas Plan war, sich stärker in das Römische Reich zu integrieren, um die dort vorhandenen Verwaltungsstrukturen zur Stabilisierung des Hunnenreiches zu nutzen. Sein Zug nach Gallien hatte vor diesem Hintergrund sicher auch die Intention, Aëtius zu schlagen und seine Position im römischen Staatsgefüge zu übernehmen. 

 

Wir müssen bei der Einschätzung der Lage berücksichtigen, dass die Situation im Westteil des Reiches bei weitem nicht mehr stabil war. Britannien war verloren, ebenso einige Regionen Galliens und Spaniens. Germanien war de facto keine Provinz mehr und in Pannonien saßen die Hunnen. Seitdem 429 die Vandalen nach Afrika eingefallen waren – wir schauen uns das auch noch näher an – waren die Getreidelieferungen aus der jahrhundertelang funktionierenden Kornkammer weggefallen oder zumindest sehr teuer geworden. Es sah insgesamt mehr als mau aus.

 

Aëtius, ein Hausmeister?

Auf dieser Basis ließ sich natürlich auch das Heer schwer unterhalten. Kaiser Valentinian III. musste die Steuern erhöhen, der Goldanteil in den Münzen sank von 99 auf 96 Prozent. Zudem versuchte er, an das Geld der vermögenden, meist senatorischen Familien zu kommen. Damit macht man sich keine Freunde. Wir müssen es Aëtius hoch anrechnen, dass es ihm in dieser katastrophalen Lage gelang, die Dinge halbwegs beieinander zu halten. In mühevoller Kleinarbeit konnte er Aufstände gallischer Warlords niederringen. Mit den Franken gab es Kämpfe, so 428, 431/32 bis in die 440er Jahre hinein, aber eben auch Abkommen, die ihnen die Sicherung der Rheingrenze zuwiesen, sie also als Foederaten des Weströmischen Reiches nutzte. Die Franken kamen dieser Aufgabe dann auch gewissenhaft nach – zumindest bis Attila kam.

 

Exemplarisch zeigt dieses Vorgehen, dass Westrom zur Sicherung seines Bestehens immer mehr auf die militärische Unterstützung »barbarischer« Völker angewiesen war. Auch die Burgunder wurden 436 nur vernichtend geschlagen, weil Aëtius auf hunnische Verbände zurückgreifen konnte – Attilas Zentralismus hatte zu dieser Zeit ja noch nicht gegriffen. Ebenso wie die Franken dienten künftig auch die Burgunder als stabilisierender Faktor im Weströmischen Reich. Angesiedelt am Genfer See sollten sie ein Machtpendant zu den Westgoten werden, die man ja in Aquitanien beheimatet hatte.

 

Aëtius war zu dieser Zeit so etwas wie der Hausmeister auf einer in die Jahre gekommenen Wohnanlage. Irgendwo gab es immer was zu tun, und die unterschiedlichen, in Teilen auch wechselnden Bewohner hatten auch sehr unterschiedliche Vorstellungen von ihrem Aufenthalt. Aber jeder wandte sich mit seinen Wünschen und Beschwerden an Aëtius. Selbst aus dem längst aufgegebenen Britannien kamen Hilferufe.

 

Valentinian wird erwachsen

Schwierigkeiten hatte er dabei nicht nur in Bezug auf die vielen Unruheherde im Reich. Auch Valentinian III. wollte eigenständiger agieren. Als Kind an die Macht gekommen hatte er lange unter der Ägide erst von seiner Mutter Galla Placidia und dann eben auch von Aëtius gelebt. Nun war er erwachsen geworden und wollte zeigen, was er kann. Als Gegengewicht zum meist in Gallien operierenden Aëtius suchte er einen engeren Kontakt zum Papst und zum in Rom tagenden Senat. Ein Beispiel für das Auseinanderleben zwischen Kaiser und Heerführer war die anstehende Verheiratung seiner Tochter Placidia (um 430 bis nach 480). Diese sollte nach dem Willen des Kaisers Ehefrau des Senators Majorian (um 420 bis 461, reg. 457 bis 461) werden, einem erfahrenen Militär. Aëtius schwante Böses. Er sah die Gefahr, dass sich dieser aufgrund seiner Einheirat in die kaiserliche Familie zu einem starken Konkurrenten entwickeln könnte. Noch hatte er die Macht, diese Verbindung zu verhindern und Placidia stattdessen mit seinem Sohn Gaudentius (um 440 bis nach 455) zu verloben. Wir müssen nicht Psychologie studiert haben, um nachzuvollziehen, dass Valentinian von dieser Aktion gar nichts hielt.

 

Der Honoria-Skandal

Schwerwiegender als dieser Zwist war der um Justa Grata Honoria, die ältere Schwester Valentinians. Diese hatte ein nicht standesgemäßes Verhältnis mit ihrem Vermögensverwalter Eugenius (um 420). Valentinian kam dahinter und – Banker aufgepasst! – ließ den Lover hinrichten. Honoria wurde mit einem Senator aus der zweiten oder dritten Reihe verlobt, Bassus Herculanus (um 450) hieß der Glückliche. Nun war Honoria aber als Tochter und Schwester eines Kaisers durchaus stolz und ließ sich nicht alles gefallen. Sie suchte allerdings nicht bei Valentinians Widersacher Aëtius Hilfe, sondern wendete sich direkt an … Attila. Der freute sich. Er schickte zu Valentinian und forderte ihn auf, ihm seine Verlobte Honoria zu übergeben. Als Mitgift hielte er im Übrigen die Hälfte des Weströmischen Reiches für angemessen. Valentinian schäumte. Auch der gutgemeinte Hinweis seines Kollegen Theodosius aus Konstantinopel, er möge Honoria doch zu den Hunnen schicken, die würden im Fall der Weigerung sonst immer sofort anfangen zu plündern, er hätte da so seine Erfahrungen, fruchtete nichts. Honoria wurde natürlich nicht zu Attila geschickt, angeblich verbrachte sie den Rest ihres Lebens im Kerker.

 

Für Attila war die Affäre ein willkommener Anlass, seine eigentlichen Pläne voranzutreiben. Wir hatten ja bereits gesehen, dass er seine Politik mittlerweile in Richtung einer wirklichen Staatsidee gewandelt hatte. Da wäre ihm eine Verbindung in das theodosianische Kaiserhaus sehr willkommen gewesen, ein halbes Weströmisches Reich als Grundlage für diesen hunnischen Staat nicht minder.

 

Die Schlacht bei den Katalaunischen Feldern haben wir bereits besprochen, ebenso die Schwierigkeiten, die Aëtius im Vorfeld hatte, insbesondere die Westgoten zum Mitmachen zu bewegen. Der Erfolg gab ihm recht. Die Konkursmasse des hunnischen Reiches hatte in den folgenden Jahren dennoch entscheidenden Anteil an dem endgültigen Untergang des Weströmischen Reiches. Wir wollen das nun auch bald gnädig zu Ende bringen.

 

Valentinian ist undankbar

Eigentlich könnte man denken, dass Aëtius nach dem Sieg über Attila die Herzen und die Dankbarkeit aller Römer zufliegen sollten. Es überrascht uns aber nicht, dass es anders lief. Wir haben schon gelernt, dass Valentinian sich gegenüber seinem übermächtigen Heermeister emanzipieren wollte. Aëtius versuchte, Männer, die ihm ergeben waren, in wichtige Positionen zu bringen, um seine Stellung nach Möglichkeit abzusichern. Unterschätzt hat er das dynastische Denken des Kaisers. So kam auch Idee, dessen Tochter Placidia mit Aëtius' Sohn Gaudentius zu vermählen, nicht gut an.

 

Der Zwist zwischen dem Kaiser und seinem Heerführer endete 454 dramatisch. Valentinian erschlug am 21. September dieses Jahres eigenhändig den mächtigen Aëtius. Das ausgeprägte Selbstbewusstsein Valentinians als augustus wird in dem Vorwurf deutlich, Aëtius habe es verhindert, dass er nach Konstantinopel ziehe, um den dortigen Usurpator Markian vom Thron zu jagen. Dass Aëtius und Markian ihm gerade sein Reich gerettet hatten, war kein Grund, auf den tödlichen Schwerthieb zu verzichten. Wir erinnern uns ein wenig an das Ende von Stilicho, der ja auch einem Anschlag seines Kaisers zum Opfer fiel. Und auch er hatte mit Honorius Streit hinsichtlich einer Reise nach Konstantinopel.

 

Das rächt sich

Übermut tut selten gut, sagt der Volksmund, und da hat er recht. Aëtius hatte viele Anhänger, die sich dem Kaiser nicht unterwerfen wollten. Marcellinus (gest. 468), Kommandeur in Dalmatien sagte sich von Valentinian los und errichtete dort ein halbautonomes Herrschaftsgebiet, das von Konstantinopel zumindest geduldet wurde. Ein weiterer kleiner Sargnagel für das Weströmische Reich. Für Valentinian kam es noch schlimmer. Am 16. März 455, ein halbes Jahr nach seinem Mord an Aëtius wurde er selber Opfer eines Attentats – verübt von ehemaligen Leibwächtern seines toten Heermeisters. An sich ist Loyalität ja ein positiver Wert, aber manchmal …

 

Wenn wir auf Westrom in der Zeit nach dem Untergang des hunnischen Reiches schauen, dann sehen wir ein Staatsgebilde, das immer mehr in Unordnung gerät und immer weniger in der Lage ist, sein eigenes Überleben zu sichern. Die einzelnen Reichsteile drifteten immer weiter von der Zentrale weg. In Nordafrika gründeten die Vandalen unter Geiserich ihr Reich, die Westgoten kündigten unter Eurich II. ihr Bündnis mit Ravenna auf, Marcellinus machte sich in Dalmatien selbständig, im Norden Galliens erstarkten die Franken. Mit Attila war zwar ein mächtiger Gegner von der Bildfläche verschwunden. Diese Bedrohung hatte allerdings noch dafür gesorgt, dass sich eigentlich wesensfremde Einheiten zu einer Koalition zusammenfinden konnten. Dieses einende Momentum war mit Attilas Tod und dem Verschwinden der Hunnen als Machtfaktor nicht mehr vorhanden. Die Warlords, die die verbliebenen Einheiten der Hunnen führten, die Aktivitäten der germanischen Stammesführer in mittlerweile allen Reichsteilen machten die Situation nicht einfacher. Zudem hatte sich über die Jahre auch im Weströmischen Reich eine Regierungsform herausgebildet, die von Männern geprägt war, die ihre Macht innerhalb des Staates mit Waffengewalt sichern und durchsetzen wollten. Interne Warlords sozusagen. Nur Aëtius' Fähigkeiten, seine Entschlossenheit und seine daraus resultierende Autorität hatten zu seinen Lebzeiten einen dauerhaften Bürgerkrieg verhindert. Nach seinem Tod und nach dem Ende der theodosianischen Dynastie mit der Ermordung Valentinians III. waren diese stabilisierenden Faktoren weggebrochen und das Reich taumelte seinem Ende entgegen. Das wollen wir uns dann das nächste Mal anschauen.