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(113) Odoaker / Westgoten

Odoaker wird König

Wir haben das letzte Mal den Niedergang der Weströmischen Reiches erlebt. Der letzte Totengräber war Odoaker, ein Skire. Die Skiren waren ein im Osten siedelndes germanisches Volk, das Opfer des Hunnensturms geworden war. Als Anführer einer aus Foederaten gebildeten Truppe forderte er eine größere Berücksichtigung bei den Versorgungsleistungen, den annona, hauptsächlich wohl Siedlungsland. Sein Vater Edekon war einer der führenden Männer an Attilas Hof gewesen, wo wohl auch Odoaker aufwuchs. Wir erinnern uns an Edekons Rolle bei dem gescheiterten, von Theodosius II. initiierten Attentatsversuch auf Attila. Im Jahr 470 finden wir Odoaker dann in der Leibwache des Kaisers Anthemius, wobei er sich in dessen Zwist mit Ricimer auf die Seite des Siegers stellte. Auch bei der Meuterei gegen den Heermeister Orestes erkannte er früh, wo seine Chancen lagen und stellte sich an die Spitze der Aufrührer.

 

Am 23. Oktober 476 riefen diese ihn zum König aus. Wohlgemerkt zum König (rex) und nicht zum Kaiser (caesar oder augustus). Er schlug dann wenig später Orestes bei Placentia, heute Piacenza. Dieser wurde zusammen mit seinem Bruder Paulus (gest. 476) nach der Schlacht umgebracht. Der letzte Kaiser Romulus "Augustulus", Orestes' Sohn, hatte mehr Glück. Odoaker nahm ihn nicht wirklich ernst, gab ihm eine nette Pension und ließ ihn auf einem Landsitz bei Neapel ein luxuriöses Leben führen.

 

Ostrom akzeptiert

Nach Konstantinopel schickte er eine Senatsgesandtschaft, die dem dortigen Kaiser Zenon das Kaiserornat überreichen und mitteilen sollte, man bräuchte jetzt im Westen keinen Kaiser mehr und es wäre sehr nett, wenn er die Herrschaft Odoakers wohlwollend unterstützen würde. Zenon hielt allerdings de jure immer noch an Julius Nepos als rechtmäßigem Kollegen für den Westen fest. Er redete Odoaker in seiner Antwort dann aber doch zumindest als patricius an, also dem Titel, mit dem sich die Heermeister wie Aëtius oder Ricimer als die eigentlichen Herrscher Westroms geschmückt hatten. Nach dem Tod von Julius Nepos im Jahr 480 wurde dann Odoaker auch formal als rex Italiae anerkannt, wobei Konstantinopel an dem Gedanken seiner grundsätzlichen Oberherrschaft festhielt. Kaiser ist ja mehr als König… Eine faktische Möglichkeit, diese in einem Konfliktfall durchzusetzen, bestand allerdings nicht mehr. Das Weströmische Reich hatte nun vollends aufgehört zu existieren - und in Italien herrschte 985 Jahre nach Tarquinius Superbus wieder ein König.

 

Odoaker lässt es ruhig angehen

Ebenso wie wir es mit der Reichsteilung 395 erlebt haben, war auch 476 nicht die Zäsur, die allen Beteiligten in Mark und Bein erschütterte. Erst einmal lief das Leben weiter. Die letzten Jahrzehnte waren ja keineswegs ruhig gewesen, so dass sich mit dem neuen Herrscher auch die Hoffnung auf stabilere Verhältnisse verband. Ob dieser Herrscher dann augustus oder rex hieß, war für viele, die Verfassungstheoretiker mal ausgenommen, wohl eher zweitrangig.

 

Zuerst ließ es sich mit Odoaker auch ganz gut an. Er verzichtete weitgehend auf Landenteignungen, was die Landbesitzer natürlich sehr goutierten. Die Ansprüche der Krieger, die ja zur Meuterei und zur Machterhebung Odoakers geführt hatten, befriedigte er durch Zuweisungen aus den Steuereinkünften. Verwaltungsstrukturen blieben erhalten, manche Senatoren schöpften sogar Hoffnung, ohne einen Kaiser in Ravenna wieder zu einem größeren persönlichen Einfluss zu kommen.

 

Odoaker handelte also grundsätzlich vorsichtig. Obwohl selbst Arianer bemühte er sich auch zur katholischen Kirche um ein gutes Verhältnis. Auch mit den Vandalen erzielte er ein Übereinkommen, dass Italien bis 491 vor weiteren Plünderungen bewahrte. Im Jahr 477 pachtete er sogar große Teile Siziliens von ihnen. Für viele waren die ersten Jahre unter Odoaker also eigentlich eine gute Zeit. Die ein oder andere Phase ohne Westkaiser hatte es ja schon gegeben, an das Ende des Kaisertums als Institution dachte eigentlich keiner.

 

Doch wir haben aus der Geschichte bereits gelernt: die guten Zeiten dauern meist nicht lange. Bereits 481 gab es den ersten Knacks. Nach dem Tod des Ex-Kaisers Nepos eroberte Odoaker dessen Herrschaftsgebiet Dalmatien. Dies war ein klarer Affront gegenüber Konstantinopel, dessen Schützling Nepos ja gewesen war und das sich sicherlich diese Provinz gerne wieder einverleibt hätte.

 

Zenon zündelt

Zenon ließ es jedoch nicht auf eine direkte Konfrontation ankommen, sondern versuchte, anderweitig zu zündeln. Er wollte Feletheus (gest. 487, reg. 475 bis 487), den König der Rugier zu einem Angriff auf Odoaker überreden. Dieser bekam jedoch von der Sache Wind und schickte im Winter 487 seinen Vertrauten Pierius (um 485) nach Norden ins Rugiland, einem der aus Attilas Erbmasse entstandenen germanischen Kleinreiche im heutigen Niederösterreich. Ursprünglich stammen die Rugier wie so viele Völker aus dem Norden, die Insel Rügen soll ihnen ihren Namen verdanken. Feletheus und dessen Frau Giso (gest. 487) wurden gefangen genommen. Giso war eine Cousine des ostgotischen Königs Theoderich, was sie allerdings nicht davor bewahrte, gemeinsam mit ihrem Mann in Ravenna geköpft zu werden. Im folgenden Jahr wurde das Reich der Rugier vollends vernichtet, die Bewohner nach Italien zwangsumgesiedelt. In die freigewordenen Gebiete in Österreich stießen die Langobarden vor. Wir sind ja nicht von ungefähr im Zeitalter der Völkerwanderung.

 

Nachdem es mit den Rugiern nicht geklappt hatte, versuchte es Zenon bei den Ostgoten, zu denen Teile der Rugier geflohen waren, unter anderem Fredericus (gest. 492/493, reg. 487 bis 492/493), der Sohn von Feletheus und Giso. Wahrscheinlich hieß er als Germane eher Friedrich, aber da wir in der Geschichte noch vielen Menschen dieses Namens begegnen werden, sind wir ganz froh, hier die lateinische Form verwenden zu können. Die Ostgoten hatten anders als ihre westlichen Verwandten sich den Hunnen unterworfen, waren im Osten geblieben und hatten an Attilas Seite auf den Katalaunischen Feldern gekämpft. Wir werden uns ihre Geschichte auch noch etwas genauer anschauen. So einfach, wie es jetzt in den nächsten Sätzen klingt, lief die Geschichte nicht ab. Das hattest Du aber auch nicht wirklich erwartet.

 

Die Ostgoten kommen

An dieser Stelle konzentrieren wir uns auf deren König Theoderich, der Zenons Vorschlag aufgriff und gen Italien zog. Man kann vermuten, dass Zenon hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte. Zum einen war es sein Ziel, Odoaker zu schlagen, zum anderen konnte er so die an seiner Grenze siedelnden erstarkenden Ostgoten in für ihn weniger gefährliche Gegenden locken. 488 brach Theoderich auf, im August 489 konnte er Odoaker das erste Mal schlagen. Weitere Siege folgen, ab 491 wurde Ravenna belagert. Die Belagerung dauerte zwei Jahre und endete am 27. Februar 493 mit einem Friedensvertrag, der eine gemeinsame Herrschaft beider über Italien vorsah. Dieser Formelkompromiss bewahrte Odoaker nicht davor, dass Theoderich ihn ein paar Tage später am 15. März anlässlich eines Versöhnungsmahls eigenhändig ermordete. Grund sei die Blutrache für seine Cousine Giso, wurde gesagt. Auf jeden Fall wird Theoderich die Vernichtung eines Konkurrenten auch politisch nicht unwillkommen gewesen sein. Der Zweck des Mahls, die Versöhnung, war dann insofern erreicht, als es danach keinen Streit mehr zwischen Odoaker und Theoderich gab. 

 

Wir lassen jetzt Theoderich in Italien ein wenig alleine, er hatte genug aufzuräumen, und kümmern uns um die vielen Völker, die wir bisher immer nur schemenhaft oder in einzelnen Blitzlichtern wahrgenommen haben. Dabei beginnen wir mit den Westgoten, von denen wir im Zuge des Niedergangs des Weströmischen Reiches ja schon einiges erfahren haben. Hier und da wird es also Momente des Wiedererkennens geben. Soll ja den Lernerfolg erhöhen ;-)

 

Die Westgoten

Herkunft

Das Schicksal der Westgoten haben wir nach der Vertreibung durch die Hunnen bereits verfolgen können. Zuletzt hatte Wallia ein Agreement mit den Römern erreicht, der es ihnen gestattete, in Aquitanien zu siedeln. Bevor wir erzählen, wie es weiterging, schauen wir kurz zurück.

 

In der Geschichte tauchen die Goten das erste Mal gesichert auf, als sie nördlich des Schwarzen Meeres siedelten, eine Region, die sie selbst als Oium (»Auenland«) bezeichneten. Wir können allerdings daraus nicht unmittelbar schließen, dass Bilbo Beutlin gotischer Abstammung war. Ob der eigentliche Ursprung des Volkes in Skandinavien – die schwedische Insel Gotland könnte dies mit ihrem Namen bezeugen – oder im Gebiet der Weichselmündung lag, wo Tacitus die Gotonen verortete, ist nicht klar. Der Theorien sind viele. Wie bei allen germanischen Völkern dürfen wir auch hier nicht davon ausgehen, dass es sich um eine homogene Volksgruppe gehandelt hat, die irgendwann aufbrach, um in exakt durchgeplanten Tagesmärschen ans Schwarze Meer zu ziehen. Auf diesem Wege wurden sicherlich viele Stämme – oder Teile dieser – in den Zug integriert, so dass die Ethnogenese der Goten wie aller Völker immer als fortlaufender Prozess verstanden werden muss. Kern war wohl ein Heeresverband, womit wir nicht nur Soldaten, sondern auch deren Familien und den Tross meinen. Wer sich diesem anschloss und wer mit ihm kämpfte, der war dann auch Gote. Dies gilt entsprechend für alle Völker zu allen Zeiten, wir werden gleichwohl hie und da immer wieder daran erinnern.

 

Im Schwarzmeerraum wurden beispielsweise die dort vorher dominierenden Karpen integriert. So wollen wir annehmen, dass die Gemeinschaft, die wir heute als Goten betrachten, letztlich über die Zeit und als historisch fassbare Einheit erst im Siedlungsraum nördlich des Schwarzen Meeres entstanden ist. Archäologische Funde zeigen in diesem Gebiet zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert eine große Einheitlichkeit in der Art der gefundenen Gefäße und bei den Grabbeigaben. Man spricht dabei nach einem Fundort 150 Kilometer westlich von Kiew von der Tschernjachow-Kultur.

 

Wenn wir den Zug der Goten von der Weichselmündung zum Schwarzen Meer als wahrscheinliche Tatsache akzeptieren, dann erklären sich auch die schwierigen Auseinandersetzungen, die Marc Aurel im 2. Jahrhundert mit den Markomannen hatte. Der Druck der wandernden Goten setzte sich über den Transmissionsriemen der Markomannen und vieler anderer Stämme in das Römische Reich fort.

 

Konflikte mit Rom

Richtig bewusst wurde den Römern die Existenz der Goten dann während der Reichskrise des 3. Jahrhunderts, beginnend mit der Eroberung Histrias südlich der Donaumündung im Jahr 238. In den folgenden Jahren gab es hinreichend Konflikte zwischen Rom und den Goten. Dabei wurden neben vielen anderen auch die Vorfahren Wulfilas (um 311 bis 383) aus Kappadokien verschleppt. Dies sei nur erwähnt, weil Wulfila dann im 4. Jahrhundert eine gotische Schriftsprache entwickelte und mit der Wulfilabibel eine Übersetzung der Heiligen Schrift in das Gotische anfertigte.

 

Die Kämpfe Roms mit den Goten endeten zunächst, als Aurelian 272 zum einen ein großer Sieg gelang und er zum anderen die Provinz Dacia aufgab, was den Goten erst einmal hinreichend Lebensraum und Möglichkeiten zur Bereicherung bot. Denn Auslöser der Wanderung werden sicherlich Nöte in den jeweiligen Siedlungsgebieten gewesen sein, sei es durch Dürren oder aufgrund von Überbevölkerung. Die Berichte über das vermeintlich wohlsituierte Römische Reich werden da über die ganze Zeit sehr verlockend geklungen haben.

 

Nach Aurelians Sieg war einige Zeit Ruhe, um 320 tauchen die Goten wieder als politische Akteure auf. In dem Machtkampf zwischen Konstantin und Licinius – wir erinnern uns dunkel – spielten sie als Hilfstruppen eine wichtige Rolle. Sie standen leider auf der falschen, auf Licinius‘ Seite. Ähnlich erging es ihnen etwa 40 Jahre später, als sie den Usurpator Procopius gegen Kaiser Valens unterstützten.

 

Ein Volk und viele Namen

Zu der Zeit, spätestens seit 291 sprechen wir nicht mehr von den Goten als Ganzes, sondern von den Terwingen oder Visigoten im Westen und den Greutungen oder Osthrogoten im Osten. Als Scheidelinie können wir uns den Dnjestr vorstellen, also das Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Moldawien. Greutungen und Terwingen sind uns ja bereits untergekommen, als wir den Zug der Hunnen in den Westen begleitet haben. Die Herleitung, dass die späteren Westgoten von den Visigoten und damit den Terwingen und die Ostgoten von den Osthrogoten oder Greutungen abstammen, klingt schön einfach, beschreibt aber nicht die ganze Wahrheit. Nicht allein, aber sicherlich auch durch den Druck der Hunnen wird es dazu gekommen sein, dass sich verdrängte Gruppen der Greutungen mit Terwingen vermischt haben. Und wie auf der Wanderung von der Ostsee zum Schwarzen Meer hat es auch dort weitere Vermischungen mit Gruppen anderer Stämme, beispielsweise den Taifalen oder Gepiden gegeben. Wir werden die ganze Geschichte weder für die Goten noch für die anderen Völker en détail nachvollziehen können.

 

Krieg und Frieden

Ebenso wie nach 272 gab es nach 332 eine längere Phase der Ruhe zwischen Rom und den Goten. Konstantin verfolgte eine Politik, die latente Gefahr durch gotische Überfälle systematisch einzudämmen. So ließ er beispielsweise neue Kastelle an der Donau bauen. Zudem nutzte er die Auseinandersetzungen zwischen Goten und Sarmaten für seine Zwecke. Er schickte seine Soldaten über die Donau und ließ die nichtsahnenden Goten überfallen. Ein Sieg, der diese im Jahr 332 zum Frieden zwang. Konstantin verließ sich jedoch nicht allein auf die militärische Macht Roms, Zuckerbrot und Peitsche war sein Motto. So wurden gotische Führer auch gerne bestochen, um auf diese Weise Rom freundlich gesinnte Menschen in einflussreiche und angesehene Positionen zu bringen.

 

Der Friedensvertrag von 332, den Konstantin mit Ariarich (um 330) schloss, verpflichtete die Goten, Hilfstruppen für die römische Armee zu stellen. Auf der anderen Seite bekamen sie bessere Möglichkeiten zum Handel mit Rom. Dieser Vertrag hatte eine über dreißigjährige Zeit des Friedens zur Folge, die bis in die sechziger Jahre des 4. Jahrhunderts reichte. 348 wurde sogar einer Gruppe von Goten unter Wulfila die Ansiedlung im Römischen Reich erlaubt, um innergotischen Christenverfolgungen zu entgehen.

 

Zufriedenheit ist keine Eigenschaft, die dem Menschen an sich innewohnt. So wundert es uns nicht, dass die Goten anfingen, mit dem Status quo zu hadern und überlegten, wie man ihn denn verbessern könne. Man schickte also eine Liste mit Forderungen zum Kaiser Julian II. nach Konstantinopel, die dieser jedoch ablehnte. Auch Valens, sein Nachfolger zeigte sich wenig einsichtig. Da kam es den Goten gut zupass, dass sich mit Procopius ein Usurpator gegen den Kaiser erhob. Der brauchte Unterstützung und konnte für den Fall seines Sieges viel versprechen. Die Goten gingen auf den Deal ein. Wir wissen, dass es für alle nicht gut endete.

 

Procopius wurde schnell geschlagen, Valens konnte im Anschluss große Gebiete der Terwingen verwüsten, musste 369 jedoch einen Frieden auf Augenhöhe schließen, wahrscheinlich, um an dieser Front Ruhe zu haben. Er hatte sich schließlich um die Perser zu kümmern. Sein Gegenspieler auf terwingischer Seite war Athanarich, der dort Richter und nicht etwa König war, eine Besonderheit der gotischen Titulatur, die wir mal kommentarlos so hinnehmen wollen. Uns ist er bereits als Kämpfer gegen die Hunnen begegnet, die allerdings derzeit noch nicht auf der Bildfläche erschienen sind. Lass‘ Dich nicht verwirren, wir müssen mitunter ein wenig in der Zeit hin- und herspringen. Ein Bestandteil des neuen Friedensvertrages war eine Nichteinmischungsklausel bei Christenverfolgungen im gotischen Herrschaftsgebiet, die Athanarich wichtig waren.

 

Das nächste Mal schauen wir dann, wie sich die Westgoten ihr eigenes Reich erkämpften.