Sicher leben in Spanien
Die Franken hatten die Westgoten aus Gallien nahezu vollständig vertrieben, lediglich ein Septimanien genanntes Stück an der Mittelmeerküste von den Pyrenäen bis etwa zur Rhônemündung verblieb ihnen. Dies war vor allem dem Eingreifen der Ostgoten zu verdanken, die mit Theoderich nun auch die politische Führung im Westen übernahmen. Als Hauptwohnsitz hatten sich die Westgoten in Spanien ein komfortables Quartier geschaffen. Damit waren sie fürderhin fest im Mittelmeerraum, allerdings etwas randständig, platziert. Ein Leben an der Peripherie muss für eine gesicherte Existenz ja nicht unbedingt von Nachteil sein. Die Sueben in der Einliegerwohnung in Galizien im noch randständigeren Nordwesten der Halbinsel störten dabei erst einmal nicht besonders.
Das Leben blieb auch so aufregend genug. Dass es überhaupt weiterging, war zuallererst ein Verdienst der Ostgoten, die die Angriffe der Franken zurückschlagen konnten. Nach Theoderichs Tod drangen die Westgoten auf mehr Eigenständigkeit und erhoben Amalarich (502 bis 532, reg. 511 bis 531), einen Sohn Alarichs II. (und als Sohn seiner Tochter Theodegotha (gest. um 502) ein Enkel des ostgotischen Königs Theoderich), zum König. Er hatte wenig Fortune. Obwohl er mit Chrodechildis (etwa 500 bis 531), einer Tochter Chlodwig I. verheiratet war, griff ihr Bruder das Gotenreich an. Amalarich unterlag 531 bei Narbonne den Franken unter Childebert I. (etwa 496 bis 558, reg. 511 bis 558), was weitere Gebietsverluste in Südfrankreich nach sich zog.
Morbus Gothorum
Ein König ohne Kriegsglück war zur damaligen Zeit eine traurige Figur. So wundert es uns nicht, dass Amalarich der westgotischen Tradition entsprechend noch im selben Jahr ermordet wurde. Ihm folgte Theudis (um 480 bis 548, reg. 531 bis 548), ein Ostgote und Vertrauter Theoderichs, der von diesem als Statthalter zu den Westgoten geschickt worden war. Er hatte sich zunehmend seine eigenen, vom ostgotischen Hof unabhängigen Machtstrukturen, unter anderem ein Privatheer von zweitausend Mann, geschaffen und konnte so relativ unbehelligt die Nachfolge auf dem westgotischen Thron antreten.
Theudis‘ Herrschaft endete, als er 548 versuchte, nach Nordafrika überzusetzen – eine Idee, die vor ihm ja sowohl Alarich I. als auch Wallia gehabt hatten. Wie diese beiden hatte nun auch Theudis keinen Erfolg. Er wurde daraufhin von oppositionellen Westgoten ermordet, die Theudigisel (um 500 bis 549, reg. 548 bis 549) zum König ausriefen, einen erfolgreichen Heerführer, der bereits 541 in Nordspanien als erster Westgote überhaupt die Franken hatte besiegen können. Die morbus Gothorum traf anderthalb Jahre später im Dezember 549 allerdings auch ihn. Er wurde ermordet. Auch wenn das Reich seit 1300 Jahren nicht mehr existiert und die Wahrscheinlichkeit entsprechend gering ist: Sollte man Dir irgendwann den westgotischen Thron anbieten: lehne ab, wenn Dir Dein Leben lieb ist.
Byzanz mischt mit
Theudigisels Nachfolger Agila I. (gest. 554, reg. 549 bis 554) erging es nämlich auch nicht besser. Im März 554 wurde er nach langem Streit mit Athanagild (etwa 517 bis 567, reg. 554 bis 567) ebenfalls ermordet. Dieser hatte sich in der Auseinandersetzung ab 552 Unterstützung aus Konstantinopel geholt. Dort herrschte zu dieser Zeit Justinian I., der gerade unterwegs war, das alte Römische Reich wiederherzustellen und zum Strahlen zu bringen. Die Chance, in Spanien Fuß zu fassen, nutzte er also gerne. Der oströmischen Interventionsarmee gelang es, einen Streifen am Mittelmeer mit wichtigen Städten wie Cartagena, Córdoba und Málaga unter ihre Kontrolle zu bringen.
Nachdem Agila ausgeschaltet war, wollte Athanagild seine Verbündeten schnell wieder loswerden. Dies gelang ihm allerdings nur im Norden. Im heutigen Andalusien verblieb ebenso wie auf den Balearen für etwa 80 Jahre eine byzantinische Provinz, die von einem Statthalter des Kaisers regiert wurde. Athanagild starb im Dezember 567 überraschenderweise eines natürlichen Todes, was die Westgoten so verwirrte, dass sie ein halbes Jahr auf einen König verzichteten. Dann wählten sie Liuva I. (gest. 572/573 reg. 568 bis 572/3), von dem wir nur wissen müssen, dass er seinen Bruder Leovigild (etwa 519 bis 586, reg. 568 bis 586) zum Mitregenten machte.
Toledo wird Residenz
Leovigild war einer der bedeutenden westgotischen Könige. Er legte Toledo als Residenz fest, namensgebend für unsere Bezeichnung des Toledanischen Reiches. Er war auch der erste König, von dem berichtet wird, dass er in königlichem Ornat auf einem Thron gesessen habe. Wichtiger sind sicherlich seine Erfolge bei der Rückeroberung der byzantinischen Besitzungen, die zwar nicht vollständig, aber zumindest in Teilen gelang. 572 fiel beispielsweise Córdoba.
Im Norden besiegte er aufständische Stämme, unter anderem die Kantabrer, und schloss mit den Sueben einen Waffenstillstand. Mögliche Konkurrenten schaltete er aus, der zeitgenössische Geschichtsschreiber und Bischof Gregor von Tours (538 bis 594) beschrieb dies anschaulich: »Er tötete all diejenigen, die gewohnt waren, Könige aus dem Weg zu räumen, und ließ unter ihnen niemanden übrig, der an die Wand pinkeln konnte«. Es ist leider nicht bekannt, ob Gregor aufgrund dieser sexistisch-herabwürdigenden Beschreibung des männlichen Geschlechts Probleme mit der seinerzeitigen Gleichstellungsbeauftragten der katholischen Kirche bekam.
Die westgotische Herrschaft in Spanien war keine natürlich gewachsene, sondern folgte einer Eroberung, die bestehende römische Verwaltungs- und Machtstrukturen überlagerte. So war die innere Struktur des westgotischen Reiches sehr fragmentiert und die Könige mussten sich gegen viele lokale Fürsten und Warlords gotischer und römischer Herkunft durchsetzen. Hinzu kam die wachsende Macht der Kirche und ihrer Bischöfe, die in der Auseinandersetzung zwischen den Anhängern des Arianismus und des Katholizismus eine einflussreiche Rolle spielten.
Familienstress
Stress bekam Leovigild mit seiner eigenen Familie. Sein Sohn und Mitregent Hermenegild (gest. 585) erhob sich 579 gegen seinen Vater. Wobei wir anerkennen müssen, dass es eine eher defensive Erhebung war, wenn es denn so etwas gibt. Als Mitregent sollte er den Süden Spaniens regieren, worauf er sich in den nächsten Jahren auch beschränkte. Versuche, die Macht nach Norden auszuweiten, sind nicht überliefert, auch wenn er mit den Sueben paktierte. Am Ende fehlten wohl die Kraft und hinreichende Unterstützung, sich wirklich gegen den Vater zu erheben.
Der Hauptkonflikt zwischen Vater und Sohn fand auf einer ideologischen Ebene statt. Leovigild war wie alle Herrscher der Westgoten ein Anhänger des Arianismus, während sein Sohn, sicherlich beeinflusst durch seine Frau Ingund (etwa 567 bis 585), eine Tochter des Frankenkönigs Sigibert I. (um 535 bis 575, reg. 561 bis 575), zum Katholizismus übergetreten war. Damit folgte Hermenegild einem Weg, den die meisten der Westgoten bereits gegangen waren. Wir erinnern den wesentlichen Glaubenssatz der Arianer, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist im Gegensatz zur katholischen Lehre nicht wesensgleich sein können. Trotz seines Übertritts zum Katholizismus, dem ja mittlerweile die Mehrheit der Westgoten anhingen, bekam Hermenegild bei seiner Rebellion wenig Unterstützung durch seine Landsleute. Auch Bündnisse mit den Franken, Byzantinern und Sueben konnten nicht verhindern, dass sein Vater ab 582 nach und nach die abgefallenen Gebiete eroberte. 584 kapitulierte der widerspenstige Sohn, 585 wurde er ermordet. Morbus Gothorum, wir kennen das schon. Immerhin wurde er in die Liste der katholischen Märtyrer aufgenommen, am 13. April darfst Du an ihn denken. 585 schlug Leovigild die Sueben vernichtend. Ihr Reich wurde danach in das westgotische integriert.
Konsolidierung
Die weitere Geschichte der Westgoten ist weitestgehend ohne Außenwirkung. Leovigild Sohn und Nachfolger Rekkared I. (etwa 559 bis 601, reg. 586 bis 601) trat zum Katholizismus über und beendete damit die Vorherrschaft der Arianer im Reich. Rekkared besiegte die Franken und konnte so Spanien als Herrschaftsgebiet der Westgoten sichern. In den folgenden Jahren folgte in schneller Abfolge ein Herrscher auf den nächsten, unterschiedliche Adelsfraktionen kämpften um die Macht.
625 vertrieb Suinthila (etwa 588 bis 633/635, reg. 621 bis 631) die Byzantiner vollständig aus Hispanien. Allein die Basken blieben obstinat, wurden immer wieder besiegt und erhoben sich immer wieder erneut gegen die Fremdherrschaft. So ganz unbekannt kommt uns das auch heute nicht vor. König Chindaswith (etwa 563 bis 653, reg. 642 bis 653) versuchte der Situation mit größter Brutalität Herr zu werden. Hunderte Adelige wurden unter seiner Herrschaft hingerichtet. Politisch war das 7. Jahrhundert von stetigen Kämpfen gegen die Basken, Franken und Byzantiner gekennzeichnet – und natürlich den internen Zwistigkeiten, die sich weiterhin in vielen Königsmorden manifestierten. Trotz der strategisch eher günstigen Lage auf einer Halbinsel mit dem unerforschten Ozean im Westen war doch relativ viel los.
Arabische Eroberung
Das Ende kam dann schnell. 711 setzte eine kleine Streitmacht aus Arabern und vornehmlich Berbern über die Straße von Gibraltar und besiegten in der Schlacht am Rio Guadalete nahe Arcos de la Frontera den westgotischen König Roderich (gest. 711, reg. 710 bis 711). Dieser Sieg brachte die eher als Plünderer gekommenen Muslime auf neue Ideen. Sie änderten ihren Plan und wurden zu Eroberern. Schnell fielen Córdoba und die Hauptstadt Toledo. Dabei kamen so viele Adelige ums Leben, dass keine organisierte westgotische Verteidigung mehr existierte. 719 gab es noch Widerstand rund um Tarragona im Nordosten Spaniens und 725 auch noch in Septimanien in Südfrankreich. Nîmes und Carcassonne waren die letzten Städte, die fielen. Das westgotische Reich war Geschichte.
Es war eine bewegte Geschichte, die Ende des 4. Jahrhunderts mit der Verdrängung durch die Hunnen in Bewegung kam, sich über die Suche nach einer dauerhaften Heimstatt durch Fritigern und Alarich fortsetzte und im 6. und 7. Jahrhundert prägend für die Entwicklung in Südwestfrankreich und auf der iberischen Halbinsel wurde.
Eine Keimzelle
Seine Fortsetzung fand das westgotische Reich im Königreich Asturien, dass von dem westgotischen Adeligen Pelayo (etwa 685 bis 737, reg. 718 bis 737) begründet wurde. Er widerstand der maurischen Eroberungswelle und aus seinem kleinen Machtbereich im Nordwesten Hispaniens erwuchs im 10. Jahrhundert das Königreich León, das 1037 von Ferdinand I. von Kastilien (um 1017 bis 1065, reg. 1035 bis 1065) erobert wurde und 1230 endgültig im Königreich Kastilien aufging. Als Autonome Gemeinschaft mit der Hauptstadt Oviedo ist Asturien heute eine der Provinzen Spaniens. Noch heute trägt der spanische Thronfolger den Titel eines Prinzen von Asturien.
Bis wir bei der Reconquista sind, dauert es noch etwas. Das nächste Mal wenden wir unsere Aufmerksamkeit erst einmal den Vandalen zu.