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(116) Vandalen: Vom Rhein nach Spanien

Ursprünge

Wir haben schon mehrfach erwähnt, dass an Silvester 406/407 die Vandalen im Verein mit den Sueben und Alanen den Rhein überquert haben und in das Weströmische Reich eingefallen sind. Nun wollen wir endlich schauen, wie es ihnen danach erging. Die Sueben hatten ihre Siedlungsgebiete ja in relativer Nähe, für Vandalen und insbesondere die nichtgermanischen Alanen war die Anreise etwas komplizierter. Diese waren von den Hunnen aus ihrer Heimat am Kaukasus vertrieben worden und hatten sich auf ihrem Zug nach Westen den Vandalen angeschlossen, die wohl aus dem Gebiet zwischen Oder und Weichsel stammten und ebenfalls den Hunnen weichen mussten. Insofern werden wir die Alanen mitmeinen, wenn wir uns nun den Vandalen zuwenden. Auf die Sueben werden wir später noch ein kurzes Schlaglicht werfen. 

 

Wie bei nahezu allen Völkern, die uns in dieser wanderfreudigen Zeit begegnen, ist der Ursprung der Vandalen unklar. Die Sprache deutet auf einen ostgermanischen Ursprung. Bei den römischen Geschichtsschreibern taucht der Begriff der Vandalen immer mal wieder auf. Tacitus und Plinius d. Ä. (23/24 bis 79) verorten sie im 1. nachchristlichen Jahrhundert östlich der Oder.

 

Auch über die vandalischen Teilstämme der Hasdingen und Silingen ist wenig bekannt. Im Jahr 171 waren Hasdingen plündernd in Dakien eingefallen. Im Laufe der Geschichte tauchen sie dann auch als Hilfsverbände der römischen Armee auf. Das spätere vandalische Königsgeschlecht, so der uns bereits bekannte Geiserich, nannte sich nach den Hasdingen, was so viel wie »die Langhaarigen« bedeutet. Auch im 3. Jahrhundert gab es immer wieder kleinere Auseinandersetzungen und auch immer wieder vandalische Verbände in der römischen Armee. Aurelian schlug beispielsweise im Jahr 270 einen Vandaleneinfall bei Aquincum, heute Budapest, zurück und ließ sich im anschließenden Friedensvertrag zweitausend Reiter zur Verstärkung seiner Truppen abstellen.

 

Der Beutezug bei Budapest zeigt uns, dass die Vandalen durch den von den Hunnen ausgehenden Druck unmittelbar betroffen waren. Wenn die ungarische Tiefebene zu ihrem Handlungsraum gehörte, mussten am Ende des 4. Jahrhunderts bald die vertriebenen Alanen, Greutungen und Terwingen bei ihnen auftauchen. Stilicho, selbst Sohn eines Vandalen, hatte danach in der Alpenregion häufiger mit ihnen zu tun, was ihm auch Kraft für seine Auseinandersetzungen mit Alarich und Radagaisus nahm. Bei diesen Kämpfen finden wir die Vandalen meist im Verbund mit alanischen Kriegern, eine Gemeinschaft, die bis zur Eroberung Nordafrikas hielt.

 

Wir dürfen uns diesen Weg nach Westen bis hin zum Einfall ins Römische Reich nicht als gut geplante, organisierte Aktion vorstellen. Der Druck durch die Hunnen aus dem Osten vertrieb die Völker aus ihrer Heimat. Wie wir schon bei den Alanen und Goten gesehen haben, hatten alle, die den Hunnen unterlegen waren, drei Möglichkeiten. Sie konnten sich unterwerfen und mit den Plünderungen leben, sie konnten sich den Hunnen anschließen oder sie konnten fliehen. Einige germanische Stämme arrangierten sich und blieben, andere flohen, wobei es sich dabei ja nicht immer um das gesamte Volk gehandelt hat.

 

Der Rheinübergang

Für viele Menschen ist der Jahreswechsel ein Anlass, neue Pläne zu machen, wie sie ihr Leben besser gestalten können. Ob dies auch bei den Vandalen im Jahr 406 so war, wissen wir nicht. Neben den iranischsprachigen Alanen hatten sie sich auch mit den Sueben zusammengetan, wozu wir wohl auch Markomannen, Quaden und andere Stämme zählen können. Es sollen dann vor allem die Quaden gewesen sein, die sich für das neue Jahr was Besonderes vorgenommen hatten. Am Silvestertag 406 schafften sie es irgendwo zwischen Mainz und Worms, zusammen mit ihren Freunden den Rhein zu überwinden und auf römisches Gebiet vorzudringen. Ob die Aktion wirklich nur an einem Tag vor sich ging, eigentlich schwer vorstellbar, und in welcher Form dies gelang, ob der Rhein beispielsweise zugefroren war, ob sie Brücken der Römer nutzen konnten, das alles wissen wir nicht.

 

Wesentlich für den Erfolg der Aktion war auf jeden Fall, dass Stilicho die Grenze zwar nicht vollständig entblößt hatte. Ein Gutteil der dort stationierten Kontingente benötigte er jedoch für seinen Kampf gegen Radagaisus. Er verließ sich darauf – oder musste es tun –, dass die Franken Überfälle in das Reichsgebiet würden zurückschlagen können. Diese waren schon seit Mitte des 4. Jahrhunderts eher in kleineren, nicht bedrohlichen Gruppen in das Reichsgebiet diffundiert und hatten sich dort niedergelassen. Es hatte sich ein modus vivendi mit der römischen Gesellschaft herausgebildet. Zunehmend wurden sie als Hilfstruppen im römischen Heer eingesetzt, es war daher keine Besonderheit mehr, dass Stilicho sie mit Verteidigungsaufgaben betraute, als er Truppen für Kämpfe im Süden abziehen musste.

 

Durch Frankreich

Die Franken kamen dieser Aufgabe auch durchaus aktiv nach, die Vandalen wurden 406 besiegt, ihr König Godigisel (etwa 359 bis 406, reg. bis 406) fiel dabei. Den Alanen war es zu verdanken, dass die Vandalen nicht ganz vernichtet wurden. Auf Godigisel folgte erst sein Sohn Gunderich (etwa 379 bis 428, reg. 407 bis 428) und dann zwanzig Jahre später dessen Halbbruder Geiserich (um 389 bis 477, reg. 428 bis 477), von dem wir ja schon gehört haben.

 

Letztlich waren die Franken nicht stark genug, die eindringenden Verbände aufzuhalten, die nun plündernd langsam gen Süden zogen. Mainz und Worms brannten, Speyer, Straßburg, Reims, Amiens, Arras, Tournai und Boulogne-sur-Mer folgten. Auch hier sehen wir keine systematische Eroberungskette. Es handelte sich eher um einzelne Verbände, die auf der Suche nach guter Beute waren und günstige Gelegenheiten nutzten. Dabei kam es vor Ort durchaus auch zu Bündnissen mit den ansässigen Römern – getreu dem St. Florians-Prinzip: "…schon unser Haus, zünd' andere an".

 

Stilicho hatte nicht die Kraft, sich diesen Plünderungen unmittelbar entgegenzustellen. Er war anderweitig mit Radagaisus und – verbündet mit Alarich – in Illyrien beschäftigt. Zudem war ab Februar 407 ja auch der Usurpator Konstantin III. aus Britannien in Gallien unterwegs. Dieser hatte allerdings ein hohes Eigeninteresse, den marodierenden Germanen Einhalt zu gebieten. Stilicho brach zwar den mit Alarich vorbereiteten Feldzug in Illyrien ab – wir erinnern uns, dass Alarich, der dort schon unterwegs war, mit viertausend Pfund Gold abgefunden wurde -, zog aber nicht sofort nach Gallien. Vielleicht hatte er als Halbvandale ja verwandtschaftliche Gefühle für seine Stammesbrüder. Den Kampf gegen die Germanen überließ er auf jeden Fall erst einmal den Franken. In seiner Prioritätenliste stand die Unterwerfung des Usurpators Konstantin weiter oben. Sein Heerführer Sarus hatte damit allerdings ja keinen Erfolg und Stilicho selbst kam wie wir wissen bei der Heerschau zur Vorbereitung des Feldzugs 408 nach einer Meuterei und im Zwist mit seinem Kaiser Honorius ums Leben.

 

In Spanien

So hatten die Vandalen und ihre Verbündeten weitgehend freie Bahn, die Römer waren mit sich selbst beschäftigt. Die einzelnen Verbände agierten weiterhin relativ unabhängig voneinander, waren sich allerdings einig, dass es weiter in Richtung Süden gehen sollte. Im Jahr 409 wurden die Pyrenäen erreicht. In Spanien standen die Römer militärisch etwas auf schwachen Beinen, es konnte also fröhlich weitergehen. Der dortige Statthalter hatte noch versucht, den Usurpator Konstantin in Gallien zu schlagen. Dies misslang, wie wir wissen, und nahm ihm zusätzlich die Kraft, um sich um seine neuen Besucher zu kümmern. So hatten die Germanen in Spanien von den Römern wenig zu befürchten. Man teilte sich auf. Ob die Gebiete wirklich im Rahmen einer Verlosung zugeordnet wurden, wie es die Legende erzählt, wissen wir nicht. Auf jeden Fall zogen die Sueben nach Nordwesten, ebenso die Hasdingen. Die Alanen wanderten an die Westküste in das heute Portugal, behielten zudem einen Landstreifen bis hinüber ans Mittelmeer und die Silingen gingen in den Süden nach Andalusien.

 

Niederlage gegen die Römer…

Gemütlich einrichten konnte man sich allerdings in diesen neuen Gebieten nicht. Honorius hatte mittlerweile wieder etwas mehr Boden unter den Füßen und verbündete sich mit den Westgoten. Die Geschichte von Athaulf, Galla Placidia, Sigerich und Wallia haben wir schon erzählt. 416 wurden die silingischen Vandalen und die Alanen von den mit den Römern verbündeten Westgoten unter Wallia geschlagen und weitestgehend vernichtet, die hasdingische Linie nahm die wenigen Überlebenden dieser Niederlage auf. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde noch zwischen silingischen und hasdingischen Vandalen unterschieden, danach dann nicht mehr. Es bildete sich der Verbund der Vandalen, die in Folge unter Geiserich Geschichte schreiben sollten.

 

…und die Sueben

Für die Vandalen war es eine glückliche Fügung, dass dem weströmischen Kaiser Gallien wichtiger war als Hispanien. So wies er den Westgoten das Siedlungsgebiet in Aquitanien zu, so dass sie in Spanien nicht mehr auf der Planche standen.

 

Das heißt allerdings nicht, dass es nun friedlich wurde. Die Hasdingen fühlten sich durch den Zulauf der überlebenden Silingen und Alanen so stark, dass sie 420 die Sueben angriffen. Tiefe empfundene Freundschaft war zwischen den Völkern beim Zug vom Rhein nach Spanien also nicht entstanden. Zum Glück für die an sich unterlegenen Sueben bekamen sie aber Unterstützung durch den römischen Statthalter. Dieser half nicht aus Mitleid. Vielmehr hatten sich die Vandalen mit einem Herrn namens Maximus verbündet, der sich in Spanien als Gegenkaiser versuchte. Sein Vater Gerontius ist uns schon untergekommen, ein Feldherr des Usurpators Konstantin, der sich dann gegen ihn erhob und schließlich von Constantius geschlagen wurde. Sein Sohn erlitt nun das gleiche Schicksal. Er wurde auf dem Feldzug gegen die Sueben vom Provinzkommandanten Asterius (um 420) gefangen genommen und Anfang 422 in Ravenna hingerichtet. Den Sueben war das alles egal, sie hatten überlebt und freuten sich.

 

Rückzug nach Andalusien

Die Vandalen zogen sich in den Süden zurück und plünderten die dortige Provinz Baetica, grob gesagt das heutige Andalusien. Hier ka. es 422 zu einer entscheidenden Schlacht gegen die römischen Truppen.

 

In der Endphase seiner Herrschaft wollte Honorius auch das Vandalenproblem lösen. Sein Heermeister Castinus sollte im Zusammenspiel mit Bonifatius, den wir noch aus seinen Kämpfen an der Seite von Galla Placidia insbesondere gegen Aëtius erinnern, in Spanien für Ordnung sorgen. 422 wurde das von westgotischen Verbänden verstärkte, überlegene römische Heer jedoch von den Vandalen geschlagen, auch weil die beiden Heerführer sich nicht einig waren und Bonifatius sich schließlich nach Afrika absetzte, wo er eigenmächtig die militärische Macht an sich riss. Im Folgejahr, 423, wurde er dann aus Ravenna als Comes Africae bestätigt.

 

Teambuilding durch einen Sieg

Für den bisher eher lockeren Verband der Vandalen war der Sieg über Castinus ein zentrales Ereignis. Die Erfahrung, die Römer in einer richtigen Feldschlacht besiegt zu haben, schuf ein immens großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Erst jetzt beginnt eigentlich die Phase, in denen wir wirklich von »den Vandalen« sprechen können. Dabei wollen wir natürlich die verbliebenen Alanen nicht vergessen, die sich allerdings unter der Oberherrschaft Gunderichs einordneten. Nach dessen Tod bei einem Überfall auf Sevilla folgte dann 428 sein Halbbruder Geiserich als Herrscher der Vandalen.

 

Auch durch den Sieg über die Römer wurde das Christentum eine zentrale verbindende Größe für die Vandalen. In die Schlacht gegen Castinus hatte die Bibel die üblichen Feldzeichen ersetzt und die eigenen Truppen zum Sieg geführt. Welchen Weg die Christianisierung der Vandalen bis zu diesem Zeitpunkt genommen hatte, ist unklar. Wir erkennen das christliche Bekenntnis als vorherrschende Glaubensrichtung erst an dieser Begebenheit. Sie waren, wie die meisten Germanen, Anhänger des homöischen Bekenntnisses, wenn wir es platt formulieren, einer Weiterentwicklung des Arianismus. Jesus Christus und Gottvater wurden nicht als gleich, sondern lediglich als einander ähnlich betrachtet. Die katholische Gegenposition waren die Nizäner, die sich auf die Ergebnisse des Konzils von Nicäa aus dem Jahr 325 beriefen. Dies aber nur am Rande.

 

Das nächste Mal geht es nach Afrika.