Übergang nach Afrika
Das letzte Mal haben wir den vandalischen König Gunderich bei einem Überfall auf Sevilla sein Leben aushauchen sehen. Viele Ortschaften in Südspanien wurden in dieser Zeit Opfer solcher Überfälle. Den Kaiser in Ravenna kümmerte dies relativ wenig, man hatte genug mit den Westgoten und Franken in Gallien zu tun. Wir wissen das. So konnten die Vandalen nicht nur Städte plündern, sondern auch erobern. Darunter waren auch Häfen, so dass es bald auch Eroberungszüge zur See gab. Nordwestafrika und die Balearen waren hier die Ziele. Geiserich, der neue König, war ein strategischer Kopf, der drei Dinge erkannte.
(1) Langfristig gebrauchte es für seine Vandalen eine sichere Heimat, das ewige Umherziehen, Kämpfen und Plündern würde man nicht ewig durchhalten. Diese Einschätzung erinnert uns an die Westgoten, die ja eine gleichartige Motivation schon seit einigen Jahren umtrieb.
(2) Weiter analysierte er, dass es in Spanien schwierig sein würde, ein solches Reich zu schaffen. Zwar hatte man die Römer gerade besiegt, aber von einer strategischen Überlegenheit konnte keine Rede sein. Insbesondere nach einer Konsolidierung der Machtverhältnisse in Ravenna unter Valentinian III. musste man mit Strafexpeditionen nach Hispanien rechnen.
(3) Was lag da drittens näher, als die neu errungenen nautischen Kenntnisse zu nutzen, um nach Afrika überzusetzen und sich in den reichen Landstrichen dort niederzulassen. Die afrikanischen Provinzen waren militärisch nur schwach besetzt und würden einer Invasion wenig entgegensetzen können. Auf der anderen Seite war ein befestigtes und gut gerüstetes Afrika für potentielle Angreifer ein schwerer Brocken. Die Gelegenheit war also günstig, der Plan stand fest und im Mai 429 ging es los.
It's a long way to Karthago
Wir wissen nicht genau, wer alles dabei war, als Geiserich alle verfügbaren Boote und Schiffe zusammenholte und mit seinem Verband irgendwo in der Nähe der Meerenge von Gibraltar nach Afrika übersetzte. Waren es Krieger oder war es das gesamte Volk? Da der die Soldaten begleitende Armeetross in den damaligen Zeiten nicht nur aus Handwerkern und Händlern, sondern auch aus Alten, Frauen und Kindern bestand, hatte wahrscheinlich auch die um Goten, Sueben und in Spanien lebende Römer ergänzte vandalisch-alanische Streitmacht einen bunten Charakter. Auf der anderen Seite wird Geiserich darauf geachtet haben, dass er mit kampffähigen, beweglichen Einheiten unterwegs war. Auch wenn Starlink noch nicht angeschaltet war und er noch über kein elektronisches Navigationssystem verfügte, war doch sehr klar, dass der Weg in die reicheren, östlich gelegenen Provinzen durchaus lang war. Von Tanger in Marokko bis Tunis in Tunesien sind es fast zweitausend Kilometer. Das sind viele Tagesmärsche in feindlichem Land. Diese Gefahren konnte er eigentlich nicht mit Greisen oder Fußkranken bestehen. Wie es genau war, wissen wir nicht. Aber wir wollen an dieser Stelle noch einmal an die verschiedenen vergeblichen Versuche der Westgoten erinnern, nach Afrika überzusetzen. Alarich, Wallia und später, 548, auch Theudis, sie scheiterten alle. Geiserich schaffte es, wir ziehen den Hut.
Station in Hippo Regius
Die erste Station auf dem Weg nach Westen war Hippo Regius, im Osten des heutigen Algeriens an der Küste, nahe der Grenze zu Tunesien gelegen. Der berühmte Kirchenvater Augustinus (354 bis 430) hatte 391 dort das erste afrikanische Kloster gegründet und war selbst noch Bischof, als Geiserich im Juni 430 vor der Stadt erschien. Während der vierzehnmonatigen Belagerung starb Augustinus. So erlebte er nicht mehr, dass im Sommer 431 ein römisches Hilfskorps des magister militum Flavius Ardaburius Aspar (um 400 bis 471) anlangte und die Vandalen vertreiben konnte.
Es gelang Geiserich zunächst auch an anderen Stellen nicht, größere befestigte Ortschaften einzunehmen. Auf der anderen Seite waren die Römer aber auch nicht in der Lage, die Vandalen in einer offenen Schlacht zu besiegen. Diese Pattsituation wurde 435 in einem foedus-Vertrag aufgelöst, der den Vandalen Gebiete in Mauretanien und Numidien zusprach. Dieser Vertrag war für beide Seiten ein notwendiger Schritt. Geiserich hatte immer mehr Probleme mit der Versorgung seiner Leute, die Römer mussten sich eigentlich auf die Streitigkeiten in Italien konzentrieren. Bonifatius wurde ja nicht ohne Grund aus Afrika abberufen, um Galla Placidia gegen den aufstrebenden Aëtius beizustehen. Erfolglos, wie wir wissen. Aspar war auf sich allein gestellt. Auch Aëtius konnte ihm nicht helfen, da er sich auf seine Homebase in Gallien und Italien konzentrieren musste.
Welche Gegenleistung Geiserich für die den Vandalen zugesprochenen Siedlungsgebiete östlich von Hippo Regius erbringen musste, wissen wir nicht. Es mögen militärische Unterstützungsleistungen gegen Berberstämme und Sklavenhändler gewesen sein, da Aspar ja sehr auf sich alleine gestellt war. Für Aëtius war diese Lösung auf jeden Fall eine gute. An ihn wurden keine weiteren Forderungen nach einer militärischen Unterstützung gestellt und die Gefahr, dass Aspar sich diese in Konstantinopel holen könnte, war durch die Einigung mit den Vandalen gebannt. Geiserich hatte das Versorgungsproblem gelöst, was ihm sicherlich wichtiger war, als der diplomatische Erfolg, als Vertragspartner des Römischen Reiches akzeptiert zu werden. Für die Bevölkerung war dieser Friedensschluss insofern eine Erleichterung, als dass die Plünderungen durch die Vandalen aufhörten.
Karthago wird erobert
Der Zug der Vandalen muss – auch wenn wir die ausschließlich römischen Quellen mit Vorsicht genießen – wahrlich kein Spaziergang gewesen sein. Viele Gräueltaten sind überliefert. Auf sie bezieht sich der Begriff des Vandalismus, den wir seit 1794 benutzen. Das verdanken wir Herrn Grégoire (1750 bis 1831), Bischof von Blois, der mit dieser Analogie die Zerstörungswut der Jakobiner während der Französischen Revolution zu kompromittieren suchte. Ob die Vandalen nach dem foedus-Vertrag wirklich gegen die umerziehenden Sklavenhändler und Glücksritter Schutz boten? Wir wollen es für die Einwohner Nordafrikas hoffen, auch wenn wenig dafürspricht. Nicht nur tauchten vandalische Plünderer an den Küsten des Reiches auf, von Sizilien bis hin nach Galizien in Nordwestspanien. Am 19. Oktober 439 wurde – vertragswidrig – Karthago überrumpelt und besetzt, die bisher noch in römischen Besitz befindliche fruchtbare Provinz Africa Proconsularis zerbröselte. Aëtius war in Gallien mit den Westgoten hinreichend beschäftigt, so dass Geiserich die römische Handlungsunfähigkeit wunderbar ausnutzen konnte.
Seemacht
Die Flottenbasis seiner neuen Hauptstadt Karthago mit seinem legendären Rundhafen nutzte Geiserich, um die Vandalen zu einer quasi-Seemacht zu entwickeln. Plünderfahrten waren das eine, Angriffe auf Sizilien folgten dem zusätzlichen Zweck, die Ausgangsbasis für römische Feldzüge gegen das afrikanische Vandalenreich in den eigenen Besitz zu bringen. Auf eine kampffähige Flotte wurde allerdings weitgehend verzichtet. Schiffe transportierten Landsoldaten, die dann vor Ort für den Rest sorgten.
Für Westrom war die Entwicklung eine Katastrophe. Steuereinnahmen fielen aus, die Getreidelieferungen aus Afrika mussten nun teuer bezahlt werden. Man konnte froh sein, wenn sie überhaupt stattfanden. Hungersnöte wie beispielsweise 449/450 waren in Rom zu dieser Zeit nicht selten. Geiserich lähmte Rom, Angst griff um sich. Selbst in Konstantinopel wurden die Mauern verstärkt. Irgendwann blieb es nicht bei reinen Plünderungen. Die Balearen, Sardinien und Korsika wurden zu festen Bestandteilen des vandalischen Reiches.
Verträge
Konstantinopel hatte im Frühsommer 440 eine Flotte nach Sizilien geschickt. Geiserich zog sich zurück und suchte eine Verhandlungslösung. Die Römer konnten ihre aktuelle Überlegenheit jedoch nicht ausnutzen. Im darauffolgenden Jahr kamen 441 die Hunnen von Norden und die Perser von Osten und Ostrom musste sich um seine eigenen Dinge kümmern. Der Kaiser in Ravenna hatte somit keine andere Wahl, als 442 erneut einen Vertrag mit Geiserich zu schließen, der diesem das lukrative Africa Proconsularis nun auch formal zuschrieb. Auch wenn Geiserich symbolische Tribute an den weströmischen Kaiser zu entrichten hatte, war er doch der klare Gewinner. Ravenna verlor endgültig die wirtschaftlich starken Gebiete in Afrika und war nun absolut von Geiserichs Getreidelieferungen abhängig.
In diesem Zusammenhang wurde auch Geiserichs Sohn Hunerich als Geisel an den kaiserlichen Hof nach Ravenna geschickt. Der vandalische König nutzte dies für die uns bereits bekannte Aktion, die Verlobung seines Sohnes mit der Tochter des westgotischen Königs in sehr unschöner Manier aufzulösen und Hunerich stattdessen mit Valentinians Tochter Eudocia zu verloben.
Der Vertrag von 442 war auch völkerrechtlich bedeutsam, als es der erste Vertrag war, den Rom mit einem germanischen Herrscher von gleich zu gleich schloss. Das war etwas anderes als ein Vertrag mit nachgeordneten Foederaten, wie er bisher beispielsweise mit den Westgoten oder Franken und zuvor auch mit den Vandalen geschlossen worden war.
Religion als verbindendes Element
Eines der prägenden Elemente des vandalischen Staates war seit 422 das religiöse Bekenntnis. Das war für Geiserich nicht nur ein Slogan, mit dem er seine Leute zum Kampf motivierte. Er nahm dieses Thema sehr ernst, da es ihm ein klares Distinktionsmerkmal gegenüber den Römern ermöglichte, und seinen Verband so vor dem Ausfasern angesichts einer überlegenen römischen Kultur bewahren konnte. Vertreter der katholischen Kirche, insbesondere die Bischöfe bekamen dies deutlich zu spüren. Der Bischof von Karthago, ein Herr mit dem schönen Namen Quodvultdeus (gest. vor 455), auf deutsch »was Gott will«, wurde beispielsweise 439 mit seinen Getreuen nackt auf morschen Schiffen in See geschickt. Gott wollte, dass er überlebte und ließ ihn heil in Neapel ankommen, wo der Herr ihm dann auf wundersamem Wege sicherlich auch wieder Hemd und Hose verschaffte.
Geiserich ordnet sein Reich
Nach 442 stand das Vandalenreich also auf halbwegs festen Füßen. Geiserich organisierte es im Inneren sehr stringent. Landzuweisungen an Soldaten, wobei der Adel eher zurückhaltend bedient und auf diese Weise kleingehalten wurde, Ausschalten möglicher Gegner, insbesondere durch die Ermordung von Witwe und Söhnen seines Vorgängers und Halbbruders Gunderich, all das zahlte auf eine systematische Festigung seiner Herrschaft ein.
Es mag sein, dass er zu dieser Zeit auch die Nachfolgeregelung dahingehend änderte, dass nicht der älteste Sohn des Herrschers automatisch dessen Nachfolger werden sollte, sondern das älteste lebende Familienmitglied. Die schwierigen Situationen, die er bei den römischen Kaisern in Erinnerung hatte, die im frühen Kindesalter auf den Thron gekommen waren – wir denken beispielsweise an Valentinian III. – waren sicherlich ein Auslöser dieser Entscheidung. Immerhin war Geiserich im Jahr 442 bereits 53 Jahre alt, da war der Gedanke an die Nachfolge nicht so abwegig. Dass er noch weitere 35 Jahre regieren sollte, war nicht absehbar.
Es kriselt zwischen Westrom und den Vandalen
In den nächsten Jahren war das Verhältnis zwischen Ravenna und dem vandalischen Reich durchaus in Ordnung. Geiserich lieferte Getreide und gestattete 454 sogar einem katholischen Bischof, sich wieder in Karthago niederzulassen.
455 starb Valentinian III. und die Lage änderte sich dramatisch. Vielleicht hatte Geiserich den 442 geschlossenen Vertrag wohl so interpretiert, dass dieser nicht mit dem Weströmischen Reich, sondern mit Valentinian als Person geschlossen worden war. Auf jeden Fall sah er mit einigem Verdruss, dass sich der neue Kaiser Petronius Maximus sehr stark in Richtung der Westgoten orientierte, die 451 bei dem Sieg über die Hunnen ja eine entscheidende Rolle gespielt hatten. Das Verhältnis zwischen Vandalen und Westgoten war – nicht zuletzt nach der Zurückweisung von Theoderichs Tochter durch Hunerich – nicht das beste. Zudem vermählte Petronius auch noch seinen Sohn mit Eudocia. Valentinians Tochter war ja eigentlich mit Hunerich verlobt. Ein Affront. Geiserichs Plan, die Vandalen über Hunerich auf den weströmischen Thron kommen zu lassen, war damit zerstört.
Seine Antwort war deutlich. Petronius hätte sich das alles vielleicht gerne noch einmal anders überlegt. Die Chance bekam er jedoch nicht, er starb im Zuge der Plünderung Roms, die am 31. Mai 455 mit dem Einlaufen der vandalischen Flotte in die Tibermündung begann. Ob Eudoxia, die Witwe Valentinians und mittlerweile Frau des Petronius, die Vandalen zur Hilfe gerufen hat, ist ungewiss. Es ist eigentlich auch egal. Die Vandalen machten auf jeden Fall Herrn Grégoire alle Ehre. Es ging nicht so gemäßigt zu, wie bei Alarichs Plünderung 45 Jahre zuvor. Nicht drei, sondern 14 Tage, währte das Grauen für die Römer. Als die Vandalen endlich abzogen, nahmen sie viele Geiseln mit, unter anderem auch Eudoxia sowie deren Töchter Eudocia und Placidia. So kam Hunerich dann doch zu der lange geplanten Ehe mit Valentinians Tochter, die nach den letzten Vorkommnissen aber nicht mehr für irgendeinen in Richtung Ravenna gedachten dynastischen Plan Geiserichs taugte. Immerhin wurde der Sohn der beiden, Hilderich (um 457 bis 533, reg. 523 bis 530), im Jahr 523 noch König des Vandalenreiches.
Dieses Reich war Mitte des 5. Jahrhunderts auf seinem Höhepunkt. Seine Lage im Mittelmeerraum war jedoch randständig, so dass sich das Weströmische Reich als notwendiger und unvermeidlicher Bezugspunkt allen Handelns erwies. Geiserich bemühte sich in all seinen außenpolitischen Aktionen, eine Konsolidierung und Stärkung des römischen Kaisertums zu verhindern. Dies war Voraussetzung dafür, dass keine Pläne zur Rückeroberung der mittlerweile vandalischen Gebiete sprießen konnten. Vor diesem Hintergrund müssen wir nicht allein die Plünderung Roms, sondern auch viele Aktionen im westlichen Mittelmeerraum betrachten. Die weströmischen Truppen sollten in Atem gehalten werden und keine Zeit zur Erholung bekommen.
Warum es Geiserich 455 nicht gelang, einen eigenen Kandidaten auf den Kaiserthron zu setzen, ist ein wenig unklar. Mit Olybrius hatte er ja da schon jemanden im Kopf. Nach dem Tod von Petronius bot sich eigentlich die Gelegenheit, die er jedoch nicht wahrnahm. Sein westgotischer Kollege Theoderich war zupackender. Er nutzte die Thronvakanz und etablierte Avitus als weströmischen Kaiser. Geiserich konnte mit dieser Entwicklung angesichts der wenig freundschaftlichen Verhältnisse zwischen Westgoten und Vandalen eigentlich nicht zufrieden sein. War er auch nicht. Er stellte die Getreidelieferungen ein, die Nachwirkungen der Plünderungen belasteten Avitus‘ Staatshaushalt zusätzlich. Er konnte sich ja auch nicht lange auf dem Thron halten. Wir erinnern, dass er bereits 456 von Ricimer gestürzt wurde.
Römische Eroberungsversuche
Mit Majorian und seinem Heermeister Ricimer hatte Geiserich in Folge mehr Probleme. In Sizilien, auf Korsika und in Unteritalien gab es einige römische Erfolge. Vor diesem Hintergrund war die Vernichtung der römischen Flotte im Jahr 460 bei Cartagena für Geiserich eine enorme Erleichterung. Die Anstrengungen Majorians, das vandalische Reich zu zerstören, sah er als ernste Bedrohung. Der neue Kaiser hatte nicht nur die Flotte aufgerüstet, sondern auch ein großes Landheer aufgestellt, mit dem er in Afrika intervenieren wollte. Die Sorge Geiserichs können wir daran erkennen, dass er die aus dem Westen Nordafrikas, wo ja die Meerenge von Gibraltar liegt, kommenden Straßen zerstören und die dort gelegenen Brunnen vergiften ließ. Das macht man ja nicht mal so nebenbei, aber wir haben Geiserich ja bisher als durchaus konsequenten Herren kennenlernen dürfen. So atmete er nach Cartagena einmal tief durch und setzte fort, was bisher gut funktioniert hatte. Er plünderte die Mittelmeerküsten, konnte sogar wieder auf Sizilien Fuß fassen.
Ein paar Jahre später schien sich die Geschichte zu wiederholen. 468 strengte sich Konstantinopel an, die Vandalen, den Schrecken des westlichen Mittelmeers, endgültig aus Afrika zu vertreiben. Mit Anthemius hatte man einen Kaiser nach Ravenna geschickt, es war eine kurze Phase, in der man glauben konnte, das alte Römische Reich hätte doch noch eine Chance. Dieser rüstete mit hinreichend Geld aus dem Osten eine starke Flotte, gleichzeitig schickte Konstantinopel ein Landheer, das von Osten her auf das vandalische Reich vorrückte.
Basiliskos war der Oberbefehlshaber der Flotte. Das blieb er nicht lange, da er gleich zu Beginn der Operation einen entscheidenden Fehler machte. Die Flotte landete zwar erfolgreich bei Kap Bon, 60 Kilometer von Karthago entfernt. Wir erinnern die karthagische Niederlage im Ersten Punischen Krieg an diesem Ort 723 Jahre zuvor. Aber anstatt den Sack zuzumachen, gab er Geiserich fünf Tage Zeit, die Kapitulation vorzubereiten. Dieser nutzte diese Zeit in der Tat für Vorbereitungen, jedoch nicht für eine Kapitulation, sondern für Gegenmaßnahmen. Wir wären von dem mittlerweile fast 80 Jahre alten Haudegen sonst auch ein wenig enttäuscht gewesen. Bei günstigem Wind schickte er Brander in Richtung der eng beieinander ankernden römischen Flotte und die taten das, was Geiserich von ihnen erwartete. Die Hälfte der römischen Flotte verbrannte oder wurde Beute der nachsetzenden Vandalen, die andere Hälfte konnte sich nach Sizilien retten. Basiliskos floh nach Konstantinopel und versteckte sich in der Hagia Sophia. Seine Schwester Verina (432 bis 484) war mit dem Kaiser Leo I. verheiratet und legte ein – oder wahrscheinlich mehrere – gute Worte für ihn sein. Der Kaiser stoppte auch den Vormarsch des Landheers, 470 wurden die Truppen aus Afrika weitgehend abgezogen.
In Ravenna kam nun von Ricimers Gnaden endlich Olybrius auf den Thron, wobei sich die Gedanken Geiserichs, auf diesem Weg die Macht über das Weströmische Reich insgesamt zu holen, ja bereits verflüchtigt hatten. Hatte Hunerich mit Eudocia die eine Tochter Valentinians geheiratet, so war Olybrius‘ Frau Placidia die andere. Auch wenn Geiserich hier noch Pläne gehabt hätte, wären diese nach einem halben Jahr durch den Tod des kränklichen Kaisers im November 472 eh zerstoben.
Man einigt sich
In Konstantinopel blieb der erfolglose Feldzug ebenfalls nicht ohne Folgen. Die Kosten, die Flotte und Heer verschlungen hatten, konnten nicht so schnell kompensiert werden. Aspar, dem wir als Heerführer vor Hippo Regius schon begegnet sind, versuchte, Leo vom Thron zu drängen, was dieser jedoch so brutal verhinderte, dass er den Beinamen »Schlächter« bekam. Sein Nachfolger Zenon erkannte die Möglichkeiten, die er hatte bzw. eben nicht mehr hatte und suchte den Ausgleich mit Geiserich. 474 kam es zu einem neuerlichen Vertrag, der den Vandalen ihre Besitzungen im Mittelmeerraum, also Nordafrika, Sardinien, Korsika und die Balearen garantierte. Dafür zeigte sich Geiserich gegenüber den Katholiken toleranter und verzichtete auf Angriffe auf römisches Gebiet. Er hatte das Vandalenreich aufgebaut und gegenüber dem scheinbar übermächtigen Römischen Reich behauptet. Ein langes, fast neunzigjähriges Leben, auf das er mit Stolz blicken konnte. Am 25. Januar 477 starb er.
Das nächste Mal sehen wir dann, wie es nach ihm weiterging.